2008-07-16
Ein Blog sagt gute Nacht
Ich habe eine nette Anfrage bekommen, ob dieser Blog noch aktiv sei, und dies von einer Person, die sogar noch freundlich genug war, anzumerken, dass er/sie ihn (den Blog) ganz gern gelesen habe.
Das zwingt mich nun, mich dem Zustand dieses kleinen Tagebuchs zu widmen.
Kurz vorm Koma, würde ich mal sagen. Punkt, Punkt, Koma, Strich.
Dabei passieren doch weiterhin Sachen.
Dabei habe ich doch weiterhin Gedanken.
Dabei habe ich doch - offenbar - sogar dankbare Leserinnen. Und Laser, nicht zu vergessen. Wer den Laser hat, braucht für den Druck nicht zu sorgen, behauptet mein Computerhändler.
Nun, wie heisst es so schön: Some monkeys die. Some Blogs do, too.
Ich lasse diesen ungeordneten Haufen von Eindrücken mal schön hier liegen, so lang Bluewin sich nicht per Dekret als Gedankenstaubsauger betätigt.
Die Wahrheit ist: Im Moment schleppt's, und das muss man irgendwie respektieren. Vielleicht kommt ja schon bald der grosse Inspirationsschub, aber im Moment muss ich mal in mich gehen und neue Gedanken ins Kraut schiessen lassen, sonst läuft das hier auf Wiederholungen des ewig gleichen hinaus. Das wäre doch schade, mehr noch als eine Blogflaute.
Das ist jetzt lustig, denn die Blogflaute war das erste Musikinstrument, auf dem ich mich versuchte. Damals, bevor mein Onkel Isidor mir seinen Dudelsack vermachte. Das waren noch Zeiten!
Liebe Grüsse und lieben Dank an alle, die hier lesenderweise und/oder kommentierenderweise zugange waren.
Und wem das alles gefallen hat, dem empfehle ich David Sedaris' neues Buch WHEN YOU'RE ENGULFED IN FLAMES. Denn: DER kann schreiben!
JL
2008-06-13
Freitag der 13te, letzte Meldungen
Gestern wurde an einer hastig einberufenen Pressekonferrenz bekannt gegeben, dass für den Rest der Euro nur noch eines der beliebten Maskottchen zur Verfügung steht. Trix, der zwar anwesend war, aber nicht sprach, liess durch seinen Rechtsvertreter eine Erklärung verlesen, nach der er alle geschäftlichen und privaten Beziehungen zu Flix abgebrochen habe und diesen zu verklagen gedenke.
Was war geschehen? Zeugenaussagen zufolge ist Flix, dessen wahrer Name Urs Abnöter ist, mehrmals im offensichtlich alkoholisierten Zustand an der Zürcher Fanmeile gesichtet worden, wo er durch ausländerfeindliche Sprüche unangenehm aufgefallen ist. Sein Kollege habe wohl das Prinzip der Völkerverständigung nicht recht verstanden, so Trix’ Erklärung weiter. Nach dem frühen Ausscheiden der Schweiz habe sich Abnöter in einen regelrechten Exzess von Fremdenhass gesteigert. Trix, der behauptet, selbst kein Pseudonym zu tragen, sass schweigend neben seinem Anwalt, als dieser erklärte, der Bruch sei schon seit Wochen abzusehen gewesen. So habe Abnöter regelmässig damit gedroht, die “Sauschwaben” persönlich des Landes zu verweisen, sollte die Schweizer Mannschaft schlecht abschneiden. Für viele der öffentlichen Auftritte habe sich Abnöter durch einen Cousin vertreten lassen, der, so Trix, keinerlei Ähnnlichkeit mit ihm habe. “Man prüfe nur die diersen Fanartikel”, hiess es in der Erklärung, “und man wird feststellen, dass bei vielen davon das eine Maskottchen übergewichtig ist und einen hässlichen Schnauzbart trägt.”
Da die Informationsveranstaltung im Vorfeld als Werbeaktion angekündigt war, und während des Spiels Kroatien/Deutschland in einem Silberkugel-Restaurant in Oerlikon stattfand, war sie relativ schlecht besucht. Einer der beiden anwesenden Journalisten meinte später, Herr Trix habe ihn im Vorfeld unter Druck gesetzt, nur ja “keinen Blödsinn zu schreiben, sonst schick ich mal meinen Pitbull vorbei”. Nach einem persönlichen Statement gefragt, winkte Trix nur ab und verschwand mit seiner Begleitung (Insider wollen sie als Fiona Hefti identifiziert haben) in einem SUV mit getönten Scheiben.
2008-06-12
Flop Schwiiz..!
Ich will mir auf keinen Fall ein Urteil anmassen. Wer sich umfassend als unwissend geoutet hat, wer vor allem das Rauschen des Regens, mit einem guten Buch im Schoss, im stillen trockenen Kämmerlein genossen hat, anstatt sich beim Public Viewing eine Sommergrippe und einen Riesenfrust zu holen, der soll bloss jetzt keine Analysen abliefern. Noch wichtiger: Es interessiert mich eigentlich absolut nicht, warum die rotweissen gegen die weissroten verloren haben. Nachdem ich zugegen habe, dass ich keine Ahnung habe, muss ich sogar die Möglichkeit eingestehen, dass es ein Riesenpech war, ein Megazufall, ein tragisches Versehen.
Und trotzdem: Ich finde es einfach faszinierend, dass man sich in so viel unrealistische Hoffnung steigern kann. Niemand wird mir im Ernst erzählen wollen, den doofen Filzhut gekauft, das Auto beflaggt, die Wange bepinselt zu haben ohne den kleinsten Funken einer Hoffnung auf Sieg.
Nein, das Wesen der Hoffnung ist es, sich an Realitäten oder realistischen Chancen vorbeizuschummeln und als verträumte Kerze im Platzregen der Wirklichkeit zu glimmen, bis dieser das Flämmchen ersäuft hat. So weit, so sympathisch. Und sicherlich wird in Artikeln und an Stammtischen heute landesweit der olympische Gedanke bis zum Abwinken zitiert, obwohl “unsere” Athleten doch erst im Sommer in China eins auf den Deckel bekommen werden.
Und ich als chronischer Anti-Konfrontations-Mensch frage ganz naiv, warum man sich denn überhaupt auf eine Schlacht einlassen soll? Es gibt doch auch den edlen Wettstreit mit sich selbst? Warum muss man überlegene Gegner provozieren? Sollen doch die Türken, Tschechen oder Franzosen das untereinander ausmachen, das wäre doch wahre Schweizer Neutralität? Wir grillen denen ein paar Cervelats, verkaufen ein paar Hektoliter Bier und zählen die Franken, die die aus ihren doofen Euros eingewechselt und verpulvert haben. Ich dachte, wir wollten bei diesem ganzen Europa-Quatsch sowieso nicht mitmachen!
La Suisse n’existe pas? Nun, wenn sie versucht, zu den Grossen zu gehören, sieht sie wirklich immer wieder winzig aus. Wenn die kleine biedere CH-Bank im grossen Amerika zu spekulieren beginnt, landet sie fast in der Pleite. Wenn unser lieber DJ Bobo einen auf Superstar macht, verkauft er zwar fleissig Tickets in Essen und Mannheim, macht uns aber alle lächerlich dabei. Warum dieses Bedürfnis, jemand anders zu sein? Ich dachte immer, wir wären so stolz darauf, was wir tatsächlich sind? Heute jedenfalls sicher nicht, oder?
Falsch gedacht
Der gestrige BLICK-Aushang war wieder ein spektakulärer Tiefpunkt des Boulevard-Schwachsinns:
“SO DENKEN WIR DIE NATI ZUM SIEG”, titelte das Blöd-Blatt. Muss man überrascht sein, wenn die BLICK-Leserschaft beim Denken erfolglos bleibt?
Ich denke: Nein.
2008-06-10
Mit den Beach Boys ins letzte Gefecht
“humorblog”, der Name ist eigentlich ziemlich doof, oder?
Angefangen hat das Ganze mit dem harmlosen Ziel, ab und zu was über Komik, Komikerinnen oder Kommödianten zu schreiben, wenn möglich auf amüsante Weise. Das gelang auch ab und zu ganz gut, aber dann schlich sich doch immer mehr Alltag in die Kolumnen ein, und wenn es um Politik ging, verstand der Blogwart plötzlich kaum noch Spass. Was will man machen, die Welt bietet halt nicht rund um die Uhr Anlass zur Freude.
Der heutige Stein des Anstosses (Nein, EM-Fans: Ich werde nicht über Fussball schreiben!) ist die Berichterstattung zur bevorstehenden Europareise des immer noch amtierenden US-Präsidenten. Geradezu tödlich naiv wird über diesen Besuch geschrieben, als handele es sich nur um eine lästige kleine Pflichtübung, bevor dann der “Wind of Change” aus den Staaten zu uns herüberweht. Nun, das mag durchaus passieren, aber vorher sind noch viele gefährliche Bush-Monate zu überstehen. Und es gibt nichts Gefährlicheres als einen verbohrten Fanatiker, dem niemand mehr auf die Finger schaut.
Seit Monaten versuchen Bush und seine Schattenkrieger, die Provokation mit dem Iran zum zündenden Höhepunkt zu manipulieren. Die Atomgefahr wird schamlos übertrieben, die Idee der Diplomatie lächerlich gemacht. Im US-Wahlkampf macht sich ein mümmelnder McCain lustig über den “unerfahrenen” Jungspund, der ihm die Präsidentschaft abjagen will, weil dieser unter Diplomatie den Dialog versteht, und den Krieg als allerletztes Mittel definiert, nachdem alle anderen Optionen gescheitert sind. In Bush-Land klingt diese Haltung nach Feigheit; und auch McCain ist durchdrungen vom Geist der Härte, der Bushs begrenztes Hirn so total dominiert. Er hasse den Krieg, hat McCain vor Kurzem verlauten lassen, und das war nur einer von Dutzenden von Widersprüchen, die seine Wahlkampf-Botschaft unglaubwürdig machen. Hat er doch gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass man “vielleicht hundert Jahre” im Irak bleiben werde, und grinsend zur Melodie des Beachboys-Songs “Barbra Ann” gesungen: “Bomb bomb Iran, bomb bomb Iran...”
Doch zurück zu Bush. In der amerikanischen Politik gibt es die wenig subtile Trickkiste mit dem Namen “October-Surprise”: Gemeint ist damit das Inszenieren eines schockierenden Ereignisses kurz vor den Wahlen, um deren Ausgang zu manipulieren. Und ein Angriff auf den Iran, in Form jener vielbeschworenen “chirurgischen Schläge”, wäre genau ein solches Last-Minute-Feuerwerk, von dem Strategen vom Schlage eines Dick Cheney sich Vieles versprechen könnten, zumindest ein Umschwenken der Mehrheiten Richtung Republikaner. Wäre ein solches Verhalten nicht nur bösartig, dumm und gefährlich, sondern auch geprägt von einer völligen Verleugnung innen- und aussenpolitischer Realitäten? Ja.
Und hat sich Bush je um solche Realitäten gekümmert? Nein!
Sein Reich ist nicht von dieser Welt, und seine katastrophalen Werte bei Popularitätsumfragen könnten ihn in seiner Haltung eher noch bestärken: Das Volk, so wird ihm sicher eingeflüstert, hat seine wahre Grösse noch nie verstanden. Das “grossmütige” Projekt, mit dem er per Krieg im Irak die Demokratie im Nahen Osten erzwingen wollte, ist so umfassend gescheitert, wie ein derart naiver und bornierter Plan nur scheitern kann. In den letzten Tagen ist es erneut deutlicher geworden, u.a. duch die Veröffentlichung eines Buches von Ex-White-House-Sprecher Scot McLellan, wie früh Bushs begrenzter Kopf sich schon in den Angriff auf Saddam verbissen hatte. Der 11.9.01 war nur ein Auslöser, der es Bush und Konsorten ermöglichte, diesen irrationalen und illegalen Krieg ungestört vom Zaun zu brechen. Das Fälschen von Geheimdienstberichten war dabei eine ihrer leichtesten Übungen. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen, dank einer zahnlosen Medienwelt, so langsam, dass es bald schon zu spät sein wird, Bush und seine Meute zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Irakkrieg ist traurige, unterberichtete Realität. Das Chaos dort ist komplett, die Zuständigkeiten hoffnungslos vernebelt. Ähnliches soll nun mit einem Angriff auf den Iran nicht möglich sein? Kritiker dieser Theorie halten Bush immer noch an zu hohe Massstäbe. Sie meinen, er werde seine schändlichen Fehler nicht wiederholen. Bush aber hat nichts zu verlieren. Im Übrigen spricht nichts dafür, dass er seine Fehler als solche erkannt hat: Er hat sich bereits damit abgefunden, dass er selbst die glorreichen Zeiten nicht mehr erleben wird, in denen die Welt ihn als Befreier und Visionär feiern wird. Bush denkt, lebt und regiert nicht in einer Welt, die sich mit den Realitäten Anderer gross beschäftigt. Der Besuch in Europa wird für ihn nur eine Bestätigung sein, dass die einen (Berlusconi?) seinen Visionen folgen können, die anderen (Papst Benedict? Angela Merkel?) halt noch nicht.
Ein Präsident in Bushs momentaner Position, unbeobachtet, unbeliebt, erfolglos auf allen Ebenen, wird in Amerika als “Lame Duck” bezeichnet. Bush ist eher ein angeschossener Wolf, der zudem noch die Tollwut hat. Wer diesem Präsidenten keinen Biss mehr zutraut, wird womöglich eine schreckliche Überraschung erleben.
2008-06-08
Haben Sie mal Feuer, Herr Meyer?
War doch wirklich amüsant, Thomas Meyers Polemik im MAGAZIN. Oder? Für alle, die keinen Zugang haben, hier der Text im kompletten Wortlaut, bevor ich mich noch mit 2 oder 3 hustenden Gedanken anschliesse:
Gegen Rauchverbote gehen Raucher mit den bizarrsten Argumenten vor. Sie sollten sich besser Gedanken zu sich selber machen.
06.06.2008 von Thomas Meyer DAS MAGAZIN
Viele Menschen reagieren reichlich seltsam auf Kritik an ihrem Benehmen: Erst behaupten sie, falsch verstanden worden zu sein, dann erklären sie die Kritik zum eigentlichen Fehlverhalten und feuern aus allen Rohren auf den dreisten Hund, der es wagt, schlechte Dinge über sie zu sagen.
Raucher funktionieren fast ausnahmslos so. Erklärt man ihnen höflich, ihr Rauch störe einen, sie mögen doch bitte davon lassen, gucken sie finster und beklagen sich lauthals darüber, eingeschränkt und diskriminiert zu werden. Kein Wort darüber, dass sie eventuell ihre Mitmenschen einschränken – sie schimpfen nur über beschnittene Freiheiten und stecken sich zur Wiedergutmachung gleich noch eine Zigarette an.
Dass sich die Debatte über das Rauchverbot etwas heftig gestaltet, verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass man sie mit solchen Leuten führen muss. Sie wird im ganzen Land geführt; mehrere Kantone wie Graubünden, das Tessin, das Wallis, Genf, Solothurn und am vergangenen Wochenende Uri haben bereits weit gehende Rauchverbote beschlossen, im Kanton Zürich soll im September abgestimmt werden, und auch auf nationaler Ebene berät man ein Gesetz zum Schutz vor Passivrauchen.
Raucher verteidigen ihre bedrängte Position unter anderem mit dem lustigen Argument, uns drohe eine «Verbotsgesellschaft». Genauso gut könnten Raser behaupten, die Tempolimiten würden sie diskriminieren; und Diebe könnten sich darüber beschweren, das Strafgesetz schränke sie in ihrer Freiheit ein, jederzeit an sich nehmen zu können, was ihnen gefällt.
Nun ist es so, dass Gesetze gegen Raserei und Diebstahl der Unversehrtheit des Menschen dienen. Das begreifen sogar jene, die sich nicht daran halten. Auch ein Rauchverbot zielt nicht darauf ab, das Volk zu schikanieren, sondern ist dazu da, Nichtraucher vor der Zumutung zu bewahren, die Passivrauchen darstellt. Anders gesagt: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo sie jene des Nächsten berührt.
Aber Raucher haben eine eigene Logik, die sich nicht an der Vernunft orientiert, sondern an der Lüge. Schliesslich gelingt es ihnen, sich jahrelang Gründe einzureden, warum Rauchen eine wunderbare Sache sei. Sie haben ihr Schamgefühl so domestiziert, dass es ihnen nichts ausmacht, ihrem Gegenüber Rauch ins Gesicht zu blasen und das dann Genuss und Freiheit zu nennen und im Übrigen ihr gutes Recht.
Es wäre auch naiv, von jemandem Rücksicht zu erwarten, der sich selbst nicht schont. Einem Raucher ist es nämlich gleichgültig, dass er seine Gesundheit gefährdet. Man redet hier an blanken Fels, das zeigt auch die Wirkungslosigkeit der Warnhinweise auf den Packungen.
Aber warum ist das so? Warum sind Raucher so starrsinnig? Warum gefallen sie sich so in ihrer Respektlosigkeit? Woher nehmen sie die erstaunliche Selbstsicherheit, vom weitaus grösseren Teil der Bevölkerung zu verlangen, ihr Verhalten schweigend hinzunehmen, obwohl sie jeden Tag feststellen können, dass sie ihre Umwelt belästigen?
Die Antwort liegt im Zeitpunkt verborgen, zu dem ein Mensch mit dem Rauchen anfängt: in einem Alter, in dem man die Polizei für einen brutalen Terrorapparat hält und Anarchie für die ideale Staatsform. Man malt entsprechende Symbole auf seine Jeans und verehrt Che Guevara und andere Mörder; man besäuft sich, kotzt aufs Trottoir und findet den Papa spiessig, weil er Hemden trägt. Und man raucht Zigaretten, weil man glaubt, das sei erwachsen. Kurz und gut: Man ist völlig unreif.
Für einen Teenager ist das in Ordnung. Viele kommen aber nie aus dieser Welt heraus: Sie tragen noch mit vierzig ausgelatschte Turnschuhe, sie applaudieren, wenn Polizisten mit Flaschen beworfen werden, sie betrügen ihre Versicherung und halten für alles, was auch nur ansatzweise bürgerlich ist, beispielsweise eine gepflegte Toilette oder das Bestehen auf Pünktlichkeit, Vergleiche mit dem Nationalsozialismus bereit. Entsprechend halten sie sich für links, dabei sind sie nur zu faul, eine richtige Zeitung zu lesen. Werden sie kritisiert, kritisieren sie den Kritiker, und während am Nebentisch einer Familie mit kleinen Kindern das Frühstück serviert wird, zünden sie sich eine Zigarette an. Kurz und gut: Sie sind immer noch völlig unreif.
Was die Zigarette sagen will Rauchen ist also nichts anderes als die Weigerung, erwachsen zu werden. Man fängt damit an, um sich selbst und der Welt zu zeigen, wie abgebrüht man ist, und man macht weiter damit, weil man – mitunter aus schierer Unsicherheit – niemals das Bedürfnis ablegt, diese Botschaft zu verbreiten. «Seht alle her», sagt die Zigarette, «ich bin ein richtig harter Kerl. Ihr könnt mir alle gestohlen bleiben.»
Das ist die Botschaft der Zigarette. Eine andere hat sie nicht. Eine Zigarette kann nicht sagen: «Hallo, liebe Freunde, ich habe euch sehr gern und freue mich, hier zu sein.» Das ist die Botschaft eines Blumensträussleins oder einer Krawatte. Eine Zigarette dagegen kann nur pubertär nörgeln.
Für einen erwachsenen Menschen aber, der möchte, dass man ihn auch so wahrnimmt und nicht als Junkie, ist Rauchen inakzeptabel, so wie es für ihn auch keine Option ist zu stehlen, betrunken Auto zu fahren, Schaufenster einzuschlagen oder solches Verhalten von anderen zu akzeptieren.
Für eine Gesellschaft, die sich selber ernst nimmt, ist es demzufolge auch nicht möglich, das rücksichtslose Verhalten der Raucher zu dulden. Im Gegenteil: So, wie sie mit Vandalen und Hooligans umgeht, so hat sie auch deren Brüder im Geiste anzupacken, die Raucher. Rauchen stört die Nichtraucher und muss darum verboten werden.
Während sich diese Einsicht weitum in Europa und in den USA durchgesetzt hat, müssen die hiesigen Nichtraucher noch immer mit riesigem Aufwand für eine Selbstverständlichkeit kämpfen, nämlich das Recht auf saubere Atemluft.
«Eigenverantwortung»? Ha! Wir rufen noch immer sofort nach der Hausverwaltung, wenn der Nachbar zu laut Musik hört, schweigen aber, wenn der Bürokollege das Sitzungszimmer vernebelt. Noch immer lässt es sich unsere Volkswirtschaft jedes Jahr zehn Milliarden Franken kosten, weil die Raucher krank werden und andere krank machen. Noch immer kuschen wir sofort, wenn einer vom wirtschaftlichen Schaden warnt, den ein Rauchverbot nach sich zöge, auch wenn wir rundherum sehen können, dass in Ländern mit Rauchverbot die Nichtraucher wieder lieber ausgehen und die Wirtschaft überhaupt keinen Schaden genommen hat.
Darum, liebe Stimmbürger, stimmen Sie bitte für ein Rauchverbot, sobald sich die Gelegenheit bietet. Nur so werden die Raucher zu einem sozial verträglichen Benehmen angehalten. Denn allein aus «Eigenverantwortung» – ein anderes Argument der Raucherlobby – schaffen sie es ja offensichtlich nicht.
Und falls sich der Leser die Frage gestellt hat: Ja, auch der Verfasser war einst ein Raucher. Er raucht nicht mehr, denn er malt sich auch keine Symbole mehr auf die Jeans; er hat gar keine Jeans mehr, denn er kleidet sich jetzt wie der Papa. Die Raucher werden ihm auch daraus einen Vorwurf stricken: Siehst du, du hast auch mal geraucht!, rufen sie, als hätte man früher Frauen geschlagen und sollte heute besser schweigen, wenn ein anderer es auch tut.
Wenn ihnen dann gar nichts mehr einfällt, sagen die Raucher noch, dass die ehemaligen Raucher sowieso die schlimmsten Nichtraucher seien. Darin liegt noch nicht einmal der Ansatz eines Arguments, aber es geht den Rauchern ohnehin nur darum, in Ruhe weitermachen zu können mit ihrer Unbewusstheit.
Es ist an der Zeit, sie aus dieser Unbewusstheit herauszuholen. Und wenn das durch vernünftiges Zureden nicht geht, dann muss man sie halt per Gesetz daran erinnern, dass sie nicht allein sind auf der Welt.
So weit Herr Meyer. Und nun noch ich:
Lustig, wenn mir jemand zu sehr aus der Seele spricht, regt sich, ausgerechnet, Widerspruch! Interessant waren auf der MAGAZIN-Website übrigens auch die bereits platzierten Kommentare von schrecklich beleidigten Nikotin-Junkies, die sich, qualmenden Kopfes, beeilten, die Argumente, den Stil, die Sprache des Artikels anzugreifen.
Und das ist der Aspekt, auf den ich gern noch ein kleines bisschen eingehen möchte, und der in Meyers Text nicht vorkommt: Wir alle haben doch schon einmal gehört, dass Nikotin etwa 5 mal effizienter ist im Abhängig-machen als Heroin. Obwohl mir nicht ganz klar ist, wie man so etwas messen oder beweisen will, doch eine beeindruckende Zahl. Und nehmen wir mal milde an, es handle sich um eine überspitzte Aussage, und Niko sei nur zwei mal so süchtigmachend wie Hero. Immer noch der Hammer, gell? Wir haben es also, ich muss es so sagen, mit einem Suchtphänomen zu tun. Und Sucht ist eines jener zentralen Themen, wie Sex, Rasse, Aggression oder Liebe, die unser tierhaftes Wesen bestimmen und die wir mit den schlauesten Argumenten nicht wegdiskutieren können. Die suchtfreie Gesellschaft ist im Amerika der 20er Jahre, als man Alkohol verbot, ebenso gescheitert wie heute im “War on drugs”, der ungefähr so gut funktioniert wie ein Zippo unter Wasser.
Nun ist es aber so, dass Raucher mit ihrem mal fröhlichen, mal hasserfüllten Bekenntnis zur Sucht uns Abstinenzlern Einiges voraus haben. Sicher, sie rösten sich die Lungenflügel zu crisper Kohlenkruste, und hinterlassen auch die eine oder andere Aschenspur auf unseren ansonsten jungfräulichen Atmungsorganen, aber sie leben wenigstens nicht mit der Lebenslüge, dem Tod sei auszuweichen. Jede Fluppe, die sie sich sich lässig anzündeln, ist ein grinsendes “Fuck You” in die Fratze des Todes. Dafür bewundere ich sie, grimmig hüstelnd. Auch lässt sich leider nicht leugnen, dass die Zigi bei Bogart nicht nur tödlich, sondern tod-sexy aussieht. Bei Keith Richards sowieso, weshalb seine Gitarre an der Stelle, wo man den Sargnagel fürs Solo unter die Saiten klemmt, einen verächtlichen Brandfleck aufweist. Einfach cool.
Raucher sind ehrlicher mit der Endlichkeit des Lebens. Aber das sind Selbstmörder auch, von Kamikazefliegern ganz zu schweigen. Und solche Gedanken wollen mir auch nur so lange über die rauchfreien Lippen, so lang in meiner Nähe niemand einen solchen Stinkwickel in Brand setzt. Also, rein theoretisch: Hut ab, liebe Nikontinkonsumenten, und fröhliches Röcheln im Lungenhospiz! Es stimmt zwar, dass ich auch sterben muss, aber wenigstens bin ich an diesem Geschehen dann weitgehend unbeteiligt. Man muss auch mal was dem Schicksal überlassen. Auf dieses gelassene Fazit würde ich mir glatt eine anstecken, wenn ich mir die entsprechende Todesverachtung rechtzeitig antrainiert hätte.
2008-06-07
Dank
Wieder einmal ganz herzlichen Dank an alle, die sich die Zeit nehmen, hier ab und zu Kommentare zu hinterlassen. Ob lobend oder tadelnd, ich schätze es sehr, wenn ein Echo aus der anonymen Leserschaft kommt. Denn manchmal kann es sich schon so anfühlen, als würde man in aller Öffentlichkeit ein Selbstgespräch führen.
Wahrscheinlich hat das unter anderem damit zu tun, dass es keinen trockener aussehenden Blog auf der Welt gibt als diesen! Es wird Euch vielleicht überraschen, dass der Schreiber dieser Zeilen ausgerechnet in einem gestalterischen Beruf tätig ist! Ich zeichne und designe den ganzen Tag, und liefere dann einen Blog ab, der völlig frei von jeder auch noch so bescheidenen Gestaltung ist.
Vielleicht gibt es ja unter meinen Mitbloggerinnen und Mittbloggern (welch schreckliche Wörter liefert uns das Internet!) jemanden, der auch auf dem Macintosh schreibt, und mir erklären kann, wie zum Teufel man per Mac Fotos, Zeichnungen u.a. in diese Software bringt? Meine bisherigen Versuche waren äusserst erfolglos, und der “support” von bluewin bzw. seinem Blog-Designer ist inexistent!
2008-06-05
Wird Rasse ein Thema sein?
Obama! Endlich, endlich, endlich hat es geklappt mit den eindeutigen Zahlen, und wenn eine gewisse Frau Clinton auch immer noch nicht die Souveränität aufgebracht hat, ihm zu gratulieren, so sollte ihr dieser Schattensprung in den nächsten Tagen gelingen, will sie nicht endgültig als saure Verliererin mit massivem Realitätsverlust in die Geschichte eingehen.
Dazu später sicher mehr. Für heute nur ein Kommentar zur Berichterstattung in der Schweiz. Ist es eigentlich wirklich immer noch nötig, jedesmal das Wortmonstrum vom “Afroamerikaner” zu bemühen, wenn von Obama die Rede ist? Warum dieser Reflex, das Offensichtliche auszusprechen? Kommt in dieser umständlichen Redeweise nicht vor allem die Überraschung ans Tageslicht, dass es der “Afroamerikaner” nun doch zum Präsidentschaftskandidaten geschafft hat? (Kleiner Gegentest: Wie häufig wird wohl McCain als der “kaukasische Kandidat” vorgestellt?) Und übrigens: So wie mit Halle Berry nicht die erste “Afroamerikanerin” einen Oscar für die beste Hauptdarstellerin bekam (2001, “Monster’s Ball”), sondern die Tochter eines schwarzen Vaters und einer weissen Mutter, ist Obama nicht der erste “afroamerikanische” Kandidat um die Präsidentschaft, sondern der Sohn eines Kenianers und einer ganz besonders weissen Dame aus Kansas. Der ganze Rassenquatsch wird also durch diese verstolperten Wort-Ungetüme aufs Schönste ad absurdum geführt.
Ist die Schweizer Berichterstattung rassistisch unterwandert? Wohl kaum. Aber die Ungeschicklichkeit mit dem Thema Hautfarbe quillt vielen CH-Reportern, tja, wie soll man sagen, aus allen Poren! So fragt der stets etwas eingebildet wirkende DRS-Moderator Caspar Selg einen US-Korrespondenten im Interview:
“Bange Frage: Wird Rasse ein Thema sein?”
Um dann, in einer späteren Frage, seine eigene fragwürdige Haltung zum Thema zu offenbaren:
“Er ist schwarz, wenn auch nicht enorm schwarz, wenn man das so sagen kann, er hat relativ feine Gesichtszüge, wenn je ein Schwarzer gewinnen soll, dann vielleicht so einer.”
Mein Gott, Herr Selg, ging es noch ein kleines Bisschen ungeschickter? Warum haben Sie nicht gleich davon gefaselt, dass Obamas Nase gar nicht platt, seine Lippen gar nicht wulstig sind, und dass er, zu Ihrer grossen Überraschung, keinen Bastrock trägt?!
Steh nicht so dicht bei mir, du hast eine Fahne!
Ich musste zu einer Besprechung. Ich war zehn Minuten zu früh am Ort des Treffens und setzte mich auf ein lauschiges Steinbänkchen unter schattenspendenden Bäumen. Eine leichte Brise wehte, die Vögel teilten sich allerlei Erfreuliches mit. In einiger Entfernung lag eine nicht sehr befahrene Strasse. In den Minuten meines Wartens sausten schätzungsweise fünfzig Autos vorbei. Fast die Hälfte davon hatten irgendwelche Nationalflaggen installiert.
Es ist gar nicht so einfach, mit einem Kopf zu leben, der sich ständig irgendwas fragt. Ich weiss nicht, wie es der Mehrheit geht, aber meine Vermutung ist, dass die meisten Menschen sich nicht, so wie ich, ständig mit sinnlosen Fragen plagen. Viele würden die lustigen Fähnchen kaum wahrnehmen, und wenn, dann würden sie sie irgendwie in das Idyll einbauen. So im Stil von: “Die Vögelein sangen, die Fahnen wehten.” Nicht so ich. Ich beginne, mich verzweifelt zu fragen, was einen erwachsenen Menschen dazu bewegen kann, eine Fahne an sein Auto, seine Jacke, seinen Balkon zu montieren. Welche Funktion hat eine Fahne? Ohne Zweifel: sie macht ein Statement. Sie behauptet eine Zugehörigkeit. Sie markiert ein Territorium. Wie harmlos, die Fussball-EM naht, und die Menschen haben Freude daran, sich zu ihrem Team zu bekennen. Was soll daran verwerflich sein?
Vielleicht hat es damit zu tun, dass Nationalstolz für mich eines der giftigsten, angeblich positiven Gefühle ist, die mir einfallen. Wie kann die Abgrenzung gegen andere Länder und Sitten einen Menschen mit Stolz erfüllen, wie kann man stolz sein auf den Zufall der eigenen Geburtslokalität? Warum rennen die Menschen nicht durchs Leben mit dem Logo des Krankenhauses, in dem sie entbunden worden sind? Wie kann man eine wehende Fahne sehen, ohne an martialische nationale Selbstbehauptung, gar an faschistoide Massenkundgebungen zu denken? Viele können das offenbar, und sie feiern mit dem flatternden Stoffstückchen in aller Unschuld, dass sie irgendwo dazugehören, oder dazugehören möchten. Aber ist das wirklich so unschuldig? Sicher, die Dumpfbacken, die aus Fussball eine Sache von Feindschaft und Gewalt machen, sind die Ausnahme, aber Tatsache ist, dass man aus Kammermusik, aus Sudokulösen, aus der Liebe oder aus dem Aquarellieren von Schmetterlingen kaum einen Kampf machen könnte, selbst wenn man es angestrengt versuchen würde. Fussball ist nur zum Teil Spiel, und mindestens zu gleich grossem Teil ist es Fight. Okay, das ist im Menschen angelegt, und schön, wenn die Leute sich auf diese Weise austoben, anstatt sich gegenseitig ethnisch säubern zu wollen.
Und trotzdem: Im trotzigen Fahnenschwenken liegt eine Haltung, die mir zutiefst verdächtig und unsympathisch ist. Fast rührend ist das Ganze natürlich, wenn man es mit einer chancenlosen Mannschaft zu tun hat. Da wird das flatternde Bekenntnis zum Pfeifen im duklen Keller, zum Mut machen wider alle Vernunft. Ich hoffe allerdings, dass es mir leicht fallen würde, selbst wenn ich mich für Fussball interessieren könnte, auf eine Fahne zu verzichten. Ich habe mir auch noch nie ein T-Shirt mit meinem Lieblings-Rockstar gekauft, verzichte darauf, meine Zugehörigkeit zum Club der Telecaster-Spieler mit Markenwerbung publik zu machen, und montiere von meinen Haushaltsgeräten, Gadgets und Toys liebevoll die Schriftzüge ab. Identifikation mit irgend etwas anderem als der eigenen Person führt für mich in die Sackgasse der Abhängigkeit. Und der Feindschaft.
Als ich das letzte Mal ein derartig ungesundes Übermass an flatternden Fahnen sah, war es Oktober, ich war in New York, und man schrieb das Jahr 2001. Besonders Taxifahrer hatten ihre Karossen mit knatternden Stars and Stripes behängt, und ganz besonders diejenigen unter ihnen, die einen Turban trugen. Dazu gehörten nicht nur Muslime, sondern zum Beispiel auch indische Sikhs, denen nur allzu klar war, dass sie vom Durchschnittsamerikaner nicht erwarten konnten, dass er den Unterschied bemerken würde: Sicher ist sicher, müssen sich viele von ihnen gedacht haben, machen wir es lieber überdeutlich, dass wir zu den Guten gehören! Plötzlich wehte die angebliche Darstellung des Nationalstolzes mit nur knapp unterdrückter Feindseligkeit im Wind, und gern wurde die Fahne in den folgenden Jahren mit markigen Slogans untermalt: United we stand! These colors do not run! Support our troops! Die Trümmer des WTC wurden mit martialischen Bildern von Vietnamsoldaten kombiniert, alle Zurückhaltung war verdächtig. Wie schnell aus harmloser Begeisterung für das eigene Zuhause Feindseligkeit und Intoleranz zu beziehen war, erschreckte mich immer wieder.
Heute morgen kam ich an einem Bürohaus vorbei, und sah im Inneren ein Grossraumbüro aufwändig geschmückt: CH-Fähnchen an allen Wänden, das obligatorische “Hopp Schwiiz” Banner über der Eingangstür. Es sah aus wie eine jämmerlich deprimierende Kinder-Geburtstagsparty. Der Gedanke, dass hart arbeitende Büroangestellte Geld zusammengekratzt haben, um diesen Schund zu kaufen, und Arbeitszeit investiert haben, um ihn an die Wände zu nageln, treibt mich in selisches Elend. Bin ich im Ernst der Meinung, dass schweizerische Begeisterung für die Nationalmannschaft in gefährliche Feindschaft gegenüber anderen Ländern umschlagen könnte? Nein. Aber woher kommt dieses merkwürde Bedürfnis, sich zu behaupten? Warum müssen biedere Buchhalter ihre Konferenzräume mit Staats-Insignien verzieren, als ginge es darum, eine Ritterburg gegen die gegnerische Armee zu bewaffnen?
Am Paradeplatz sitzt ein etwa 10jähriger Junge und liest in aller Unschuld einen EM-Beitrag im “20 Minuten”. Eine ca. 60jährige, konservativ gekleidete Frau bellt ihn an, er solle gefälligst dieser Götzenverehrung abschwören und stattdessen Gott den Herrn und Schöpfer anbeten. Entrüstet und laut weiter schimpfend stapft sie davon. Ich suche Augenkontakt mit dem Kind, um zu sehen, ob es ihm etwas ausgemacht hat. Er schaut etwas irritiert drein, als wäre er mit dem Velo in ein Schlagloch gefahren. Dann zuckt er grinsend die Schulter und vertieft sich erneut in seine Lektüre.
2008-05-29
Comedy-Import echt lustig, heimische Produktion leider weniger
“Forgetting Sarah Marshall” kommt ins Kino. Achtung, Achtung: Misstrauen Sie Ihrem Instinkt! Obwohl der Film hier unter dem Titel “Nie wieder Sex mit der Ex” und der Tagline “Abserviert? Na und?!” läuft (oder ist es umgekehrt?) handelt es sich um eine liebevoll gemachte, toll inszenierte und immer wieder echt komische Story! Unnötig zu erwähnen: Originalversion kucken!!!
Sicher, die Methode ist langsam nicht mehr neu. Das Team um den Regisseur und Produzenten Judd Apatow (diesmal im Hintergrund, eben als Produzent, aktiv) hat eine ganze Lawine von Komödien losgetreten, die alle nach dem Prinzip funktionieren, eine eher blöde Hauptfigur in eine eher lange Story einzubinden, in der sie dann mit überraschend viel Herz und Seele agiert. Der erste grosse Erfolg war “The 40 year old virgin”, dann kamen “Knocked Up”, “Superbad” und “Walk Hard”, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, aber ich bin zu faul, um das jetzt zu recherchieren ... Ist ja auch egal. Der Punkt ist: Apatow hat eine neue Art von Held ins Kino eingeführt: Den Knülch, der sich durch seine pure Ernsthaftigkeit langsam aber sicher die Zuneigung des Publikums verdient.
Zu den bewährten Prinzipien in der Apatow’schen Komödienfactory gehört auch, dass die Hauptfigur eines kommenden Films vorher schon mal im Nebenrollenfach eines anderen Films angetestet wird. So wurde das Publikum auf Jason Segel, den Antihelden von “Forgetting...” schon in “Knocked up” schonend vorbereitet. Segel, ein sanfter Riese mit seelenvollem Melancholikerblick und gänzlich ohne erkennbare Ironie, ist aber auch der Kopf hinter dem Drehbuch des neuen Films. Und das ist die wahre Meisterleistung. Traurige Säcke gibt es in Komödien häufig, aber Peter Bretter, der Held des neuen Films, ist wohl der jammervollste Jammerlappen aller Zeiten. Die Sarah Marshall des Titels ist seine Freundin, und der Film beginnt damit, dass sie diesen Irrtum korrigiert. Als Star einer super-erfolgreichen, super-dämlichen TV-Serie (und es fällt herrlich leicht, zu erkennen, welche real existierende Show hier veräppelt wird), ist sie über ihren Hänger-Freund langsam hinweg, der zwar für dieselbe Sendung die Musik beisteuert, aber ansonsten die klassiche Hängerexistenz führt. Kurz: Er ist lieb aber schlaff,und ihr steht der Sinn nach mehr Erfolg auch im Privatleben. Das Schicksal des Verlassenen ist dem Film lange und köstliche Sequenzen wert, und hier findet die Story eine perfekte Balance aus echter Trauer und komischer Verzweiflung, die das Fingerspitzengefühl der Macher aufs Beste beweist.
Peter will sich in seiner himmeltraurigen Verlassenheit was Nettes gönnen und plant einen kleinen Trip. Da aber alles, was ihm das Leben lebenswert macht, irgendwie mit Sarah verbunden ist, reist er mit dem todsicheren Instinkt des Besessenen genau in das Ferienparadies in Hawaii, von dem die Vergötterte immer erzählt hat. Der vorhersehbare Haken: Diese hält sich zur Zeit ebenfalls dort auf, und zwar mit dem neuen Freund. So billig das Setup, so überraschend immer wieder die Pointen. Freuen darf man sich zum Beispiel auf den neuen Lover, oder auf den Moment, da Peter uns offenbart, woran er in seiner Freizeit gearbeitet hat. Nur so viel sei verraten: Die Musik für eine Krimiserie zu schreiben, war unter seinem Niveau, und so hat er ein kleines Privatprojekt, dessen Präsentation zum Komischsten gehört, was ich je im Kino erlebt habe.
Die bewährte Mannschaft aus inspirierten Nebendarstellern zieht wieder zahlreiche Register. Bill Hader, Jonah Hill, beide zu recht beliebt seit Superbad, oder der königliche Paul Rudd als umnachteter Surf-Lehrer füllen ihre Mini-Rollen mit so viel Seele und Spass an der Absurdität, dass man der guten Sarah Marshall nur dankbar sein kann, dass sie den armen Pete in solche Pein gestürzt hat. Denn aus dem Schmerz filtert der Film fürs Publikum die reine Wonne.
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Noch ein hoch-provokanter Gedanke. Ich muss mal schnell an einem Zürcher Säulenheiligen kratzen.
Es ist unmöglich, in dieser Stadt eine halbwegs normale WG zu besuchen, ohne über die Werke von Mike Van Audenhove zu stolpern. “Züri by Mike” ist eine Institution wie Belcafé oder Veloblitz. In der trendigen Kurierfirma hat Mike früher gejobbt, und viele seiner “liebevoll gezeichneten schrägen Vögel” (typisches Kritikerblabla) entstammen diesem Umfeld. “Fein beobachtet”, wäre ein anderes solches Kritiker-Klischee, “mit spitzer Feder”, hat sicher schon mal jemand geschrieben “entlarvt er die typischen Zürcher Gestalten, die uns allesamt seltsam vertraut vorkommen”, etc. etc. etc. Ich könnte sofort eine komplette warmherzige Feuilleton-Abhandlung über MvA abliefern, triefend von jener Art von Selbstbeweihräucherung, die man hört, wenn Leute über ihre liebsten Züri-by-Mike-Stories schwärmen. Kennst du die, wo...?
Ja, kenne ich (fast) alle, und, jetzt kann ich es nicht länger verschweigen: Ich finde sie allesamt kein bisschen lustig.
Sicher, Mike hat ein gewisses Gespür für Typen und Szenen, manche Pointen sitzen recht stramm, auch das überstrapazierte Wort “liebevoll” will ich ihm nicht aberkennen. Aber wer schon mal Sempé gesehen hat, wer F. K. Waechter kennt, wer sich noch an Robert Gernhardt erinnert, kann sich nicht helfen: Die Audenhove-Begeisterung ist zu vergleichen mit dem besoffenen Glück, das etwa “Patent Ochsner” bei gewissen Leuten auslöst. Hört man aber die Güselsongs mit etwas internationalem Abstand, wird einem schmerzhaft klar, wie amateurhaft blechern da hantiert wird.
Es muss unglaublich schwer sein, wöchentlich eine Story zu finden. Und Mike hatte ja auch schon mal aufgegeben. Anders als der grosse Gary Larson, der sich an seine Pensionierung jetzt eisern hält, liess er sich aber bald wieder vom Ruhestand abbringen. Der Züritipp, ehemals Züritip, hatte ein paar spektakuläre Misserfolge mit Nachfolgerinnen und Neuzeichnern, und so musste der schmunzelnde Holländer halt wieder zur Feder greifen.
Aber ach: lahmer und lahmer kommen seither die Pointen, oft fehlen entscheidene Elemente, um die Idee zu begreifen, sind die Stories entweder zu kurz oder zu lang, wälzen sich die Figuren bräsig im vollen Bewusstsein, “komisch”, oder noch schlimmer: "urchig" zu sein, und verhindern so todsicher, das man wirklich lachen oder auch nur lächeln muss. Schade. Der jährliche Sammelband kommt trotzdem so sicher wie das Amen in der Kirche, und man will ja nicht jedesmal einfach nur Wein bringen, wenn man die Ex-WG-Kolleginnen besucht. Darum ist es gut, dass ZbM sich seinen Platz im Zürcher Alltag gesichert hat, typisch Züri halt, ein bisschen mittelmässig, aber doch irgendwie sympathisch. Gähn.