2007-07-30

Und gleich noch einmal: Po-litik!

Von humorblog @ 12:00 [ Default ]
Andere Menschen geniessen das langsam wieder erwachende Sommerwetter. Andere schlürfen einen kühlen Frappucino im Halbschatten, wieder andere geniessen die Tage, während derer der Chef in Acapulco weilt. Und was mach ich? Nachdem ich meine Plastikgeranien abgestaubt, die antike, hübsch bepflanzte Wäschezentrifuge auf dem Balkon poliert, und den Kies auf dem Garagenvorplatz sauber geharkt habe? Nachdem ich meine Kaffeerahmdeckelisammlung sortiert, mein Altglas entsorgt und meine Bettwäsche auf A4 gefaltet habe? Ich lese ein Flugblatt der SVP zur Ausschaffungsinitiative. Warum tu ich das? Welcher perverse Zug in mir lässt mich so masochistisch im Elend des helvetischen Unterholzes grüblen? Woher diese morbide Faszination für die Bösartigkeit und Gollum-artige Feindseligkeit gewisser Menschen gegen das ganz normale Leben im 21. Jahrhundert?

Das Flugblatt, ist geschmückt auf der Aussenseite mit einer blutroten CH-Flagge und dem Titel “Unterschreiben Sie JETZT für eine sichere Schweiz!”, und innen mit einer “herzigen” Illustration, auf der ein weisses Schaf ein schwarzes Schaf mit heftigem Huftritt aus einem roten Feld mit weissem Kreuz kickt. Das schwarze Schaf schaut böse aus der Wäsche, das weisse hat, trotz seines aggressiven Verhaltens, ein lustiges, fröhliches Gesichtchen. So stellen sich die Urheber dieses Blattes die braven Schweizer Stimmbürger vor, wenn sie den Dreck und das Verbrechen mit keckem Kick ausser Landes verbannen.

Daneben prangt, in strengem Schwarz, einer jener Balkengrafiken, die Autorität und Nüchternheit zu verbreiten suchen. Titel: “Anteil ausländischer Straftäter.” Die Balken gehen von 52.7% (Körperverletzung) bis zu 85.5% (Vergewaltigung). Ein Sternchen verspricht Klärung, was diese Prozentzahlen bedeuten sollen. Die Fussnote weist aber lediglich darauf hin, dass es sich bei diesen Zahlen um die “Polizeiliche Kriminalstatistik 2005, Bundesamt für Polizei” handelt. Nicht gerade taufrisch, diese Daten, aber gehen wir mal davon aus, dass sich in den letzten zwei Jahren nichts Erdrutschartiges verändert hat.

Trotzdem bleibt der Umgang mit der Statistik fahrlässig: “Anteil ausländischer Straftäter” ist ein unglaublich vager Titel. Es gibt mindestens drei Deutungen, die bewusst offen gelassen werden. “Anteil” kann heissen: Anteil an der Gesamtbevölkerung, Anteil an der Gesamtzahl der Ausländer, oder Anteil an der Gesamtzahl der Straftäter. Ich bin bereit zu wetten, dass eine Mehrheit der Betrachter dieses Flugblattes denkt: Aha, 52.8% (Dies die Zahl hinter dem Posten “Insgesamt”) von diesen Ausländern sind also kriminell! 66% von ihnen sind Erpresser! 85.5% sind Vergewaltiger! Dieser fahrlässige Umgang mit “objektiven” Daten ist haarsträubend. Ich kann die Zahlen nicht nachprüfen, bin aber bereit, zuzugestehen, dass sie selbst dann erschreckend hoch wirken, wenn man sie so interpretiert (und interpretieren muss man sie, denn die SVP unterschlägt bewusst das Mass-System!), dass sie den “Anteil von Ausländern an der Gesamtzahl der in der Schweiz straffällig werdenden Täter” wieder geben.

Die grandiose Verlogenheit besteht aber in der Verwischung der Grenzen zwischen den Schlagwörtern “Ausländer” und “Verbrechen”. Wäre man ehrlich, müsste der Titel des Pamphlets lauten: “Wenn wir die bösen Jugos rausschmeissen, können wir endlich wieder 100% aller Raubmorde und Vergewaltigungen selbst begehen!” Niemand bestreitet, dass Gewaltverbrechen ein riesiges Problem sind. Aber eine moderne, von ausländischer Arbeitskraft abhängige Gesellschaft sollte sich doch mit diesem Problem lösungsorientiert beschäftigen. Anstatt so zu tun, als könne man durch gezieltes “Ausmustern” einer Bevölkerungsminderheit den paradiesischen Zustand einer friedlichen, freien, gewaltlosen Schweiz herstellen (die es niemals gegeben hat), könnte man doch politische Energie daran verwenden, die real herrschenden Zustände zu optimieren. Das Unerfreuliche daran wäre, dass man all den ach so weissen Schäfchen dann keine knalligen Hauruck-Lösungen präsentieren könnte. Denn die sehnen sich doch nach nichts so sehr, wie nach einer Gelegenheit, ihre Hufe im Hinterteil von bösen Gewaltschafen zu platzieren! Ganz demokratisch und sehr, sehr friedfertig.


Kommentare

Glaukothyr - ee-pc.trsfr [at] bluewin.ch - http://glaukothyr.blueblog.ch
2007-07-31 21:17:57

Nicht nur die SVP geht mit Statistiken fahrlässig oder unsachgemäss um. Auch DRS 2 hat schon statistische Daten verbreitet, mit denen Nichts anzufangen war, weil nicht gesagt wurde, wieviel Prozent wovon? Auch Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen werden von - sonst absolut seriösen - Medien in einer Weise mitgeteilt, dass wenig bis Nichts Brauchbares damit anzufangen ist, weil entscheidende definitorische Angaben und Parameter einfach nicht bekannt sind. Viele, die mit statistischen Ergebnissen argumentieren, wissen offenbar gar nicht, was Statistik eigentlich ist. Es sollte Pflicht sein, die Quelle an die Öffentlichkeit getragener statistischer Ergebnisse so anzugeben, dass jeder Interessierte sie selber auffinden bzw. nachfragen und überprüfen kann.
Abgesehen davon habe auch ich mit dem Kommunikations- und Werbestil der SVP, aber auch anderer Parteien, grosse Mühe. Ich unterscheide aber, wie übrigens auch im wirtschaftlichen Wettbewerb, die Werbung vom Angebot.
In der politischen Werbung allerdings muss auch berücksichtigt werden, was für Beweggründe und Antriebe mobilisiert werden sollen. Die SVP profiliert sich in ihrer Propaganda mit ausgesprochen schwach entwickelter Ästhetik und mit lückenhafter Sensibilität für das Anständige.

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